Deutsches Bier und Döner

Die „Südwest Presse“ hat sich jetzt mit der Thematik Integration in Senden (Gemeinde im schwäbischen Landkreis Neu-Ulm) beschäftigt und festgestellt, dass auch der Döner eine große Rolle spielt.

Denn laut einer Umfrage wächst in Deutschland die Ablehnung des Islam. Und 50 % sehen in der Religion eine Bedrohung. Jetzt wollte das Blatt wissen, wie die Situation sich in Senden darstellt, dort gibt es schließlich viele Migranten.

Das Gesicht des türkischen Döner Wirts Czekeriya Behar ist fahl und versteinert, die Herren am Stammtisch seiner Döner Bude machen Witze auf seine Kosten. Einer der drei Schnauzbartträger grölt: „Gell, Tschekeria, wir haben doch Türkische Woche, da ist alles umsonst!“. Der 61-jährige hat um 12.36 Uhr schon einen halben Liter Bier weggespült, trotzdem will das Kribbeln im Bein, das ihn plagt, nicht verschwinden.

Gleiches gilt für seine Angst vor faulen Asylbewerbern und gewaltbereiten jungen Migranten in Senden. Der gesamte Stammtisch wäre mit dabei, wenn die Pegida auch hier marschieren würde.

Der Reporter der „Südwest Presse“ besucht den Döner Imbiss einen Tag nach dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“, der mutmaßlich von fanatischen Islamisten begangen worden ist. Derweil gehen jeden Monat zehntausender patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA) in Dresden auf die Straße. Die „Südwest Presse“ will jetzt wissen, was das für die Stadt Senden bedeutet, in der die Migranten rund 25 % der Bevölkerung stellen, überwiegend Türken. Gibt es die Integration in Senden, ein Nebeneinander oder auch Konflikte?

Entlang der Hauptstraße begibt sich die Gazette auf Spurensuche. Einer der vielen Frisörsalons gehört Sidika Kaymakci, sie gibt zu Protokoll, dass es nicht stimme, dass Türken nur zu türkischen Friseuren gingen. „Zu mir kommen fast nur deutsche Kunden. Dies sind zufriedene Stammkunden, die mir aus dem Salon gefolgt sind, in dem ich meine Ausbildung absolviert habe.“

Mitarbeiterin Gül Oguz verrät, dass türkische Frauen nicht zu oft zum Friseur gingen wie Deutsche. Türkische Männer hingegen suchen den Frisör öfter aus als ihre deutschen Geschlechtsgenossen. „Meine Chefin musste sich in meiner Ausbildungszeit immer wieder anhören, ob sie nur Ausländer einstellen wolle“, erzählt Oguz.

Sie weiß auch von der Bemerkung einer Kundin zu berichten, die sich über einen Preis mit den Worten echauffierte, dass der Frisörsalon doch kein türkischer Basar sei. Dies war eine Russin. Kaymakci: „Auch über den Islam gibt es immer wieder falsche Gerüchte. Schließlich hat der Anschlag in Paris nichts mit unserer Religion zu tun. Wer seinen Glauben richtig lebt, der macht so etwas nicht.“ Ihre Kinder gehen jedes Wochenende zum Koranunterricht in die Moschee, damit sie auch lernen, was darin steht.

Auf der anderen Straßenseite treffen sich regelmäßig ältere Semester zum Stammtisch, ein 60-jähriger begegnet dem Thema Glaube mit den witzigen Worten, dass er jeden Abend bete, dass er am Morgen noch Durst habe. Die Lacher sind ihm so sicher. Er ergänzt aber auch, dass man in Senden nicht noch mehr Moscheen zu bauen brauche. Man habe Angst, dass sonst Radikale in der Stadt auftauchten. „Das Problem sind die Prinzen, die hier geboren worden sind. Gerade haben am Bahnhof 17 türkische Jugendliche einen Deutschen angegriffen.“ Ein 61-jähriger erwidert: „Das waren doch die Russen. Die saufen zu viel Wodka, weshalb ihr Charakter verdorben ist. Wir hingegen bleiben beim Ulmer Bier.“

Im Döner Imbiss „Guckst Du Döner Kebab und Pizza Express“ am Bahnhof werden keine alkoholischen Getränke ausgeschenkt. Ein türkischer Musikkanal flimmert über den Fernseher. Ansonsten sieht der Dönder Laden überhaupt nicht orientalisch aus, zum Interieur gehören ein Grammophon, ein antiker Kachelofen und Fliesen mit Pflanzenmustern. Der Döner Besitzer erklärt, dass er den Laden vor 14 Monaten übernommen und nichts geändert habe. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, gibt aber zu Protokoll, dass er viele christliche Freunde habe. Er hat auch den legendären schwäbischen Döner auf der Karte: Kleiner Salat mit Puten- und Rindfleisch vom Dönerspieß und hausgemachten Spätzle.

Über Asylbewerber wird in der „Iller Bar“ schwadroniert. „Es macht keinen Sinn, alle rein zu lassen, die Politik belügt uns doch“, weiß ein 63-jähriger am Tisch. „Die bekommen hier die vollen Geschäfte zu Gesicht, können sich aber selbst nichts leisten und werden daraufhin kriminell. Ich lehne auch den Neubau einer großen Flüchtlingsunterkunft in Wullenstetten ab. Für Senden sind nochmal 100 Asylbewerber zusätzlich zu viel.“ Er schlägt vor, dass die westlichen Staaten im Irak und in Syrien mit „allem reinfahren“ sollten, um den Krieg zu beenden. In den Herkunftsländern der Flüchtlinge müssten zudem mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. „Ich habe doch nichts gegen Menschen!“. Der 60-jährige kontert: „Doch, ich bin teilweise auch gegen diese Menschen!“

Von den selben Sorgen wird ein 78-jähriger Deutscher, der Kunde im türkischen Supermarkt von Hülya Kartal ist, geplagt. „Man weiß doch gar nicht, wer da kommt. Ich bin gegenüber Frauen, die Burka tragen, sehr skeptisch. Man kann nicht sehen, was sich darunter verbirgt. Außerdem gehe ich auf keine Großveranstaltung mehr.“ Dass er bei Türken sein Gemüse kauft, sieht er nicht im Widerspruch zu seinen Vorurteilen: „Gegen diese Leute habe ich ja nichts.“

Kartal ist verzweifelt: „Es gibt doch keine Anschläge in Senden. Wir leben hier in Frieden zusammen. Bei mir kaufen Menschen jeder Religion und Nationalität ein. Ich kenne alle meine Nachbarn und war selbst Vorsitzende im Schulelternbeirats. Am Wochenende mache ich auch Küchendienst beim Fußballturnier meines Sohnes. Trotzdem bekommt man natürlich Ressentiments mit. Ich bin beim Arzt immer erst die zweite, die dran ist, auch wenn ich als erste im Wartezimmer sitze. Dabei habe ich sogar eine Privatversicherung. Es gibt aber auch in Senden Menschen, die sich nicht integrieren, nämlich die Bulgaren.“

Dass es in Senden nur eine kleine Minderheit unter den Muslimen gebe, die eine Parallelgesellschaft etablieren möchte, dessen ist sich die Rektoren der Innenstadtschule Silvia Wawra sicher. Ihre Lerneinrichtung besitzt einen Migrantenanteil von 70 %. „Die Gefahr, dass PEGIDA sich hier durchsetzt, ist viel größer. Wir müssen mit wachen Augen durchs Leben gehen, den Dialog suchen und so Vorurteile beseitigen. An unserer Schule funktioniert das schon sehr gut.“

Das Biertrinkertrio am Stammtisch philosophiert mittlerweile über den grausamen Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris. „Das hat doch nichts mit Glauben zu tun, so etwas wollen doch die Muslime selber nicht“, so der 63-jährige. Der 60-jährige hingegen giftet: „Wenn es mit dem Krieg in Syrien so weitergeht, dann wird auch bald etwas bei uns passieren.“

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