Döner Missionare in den USA

Bislang wurde der Döner eigentlich nur mit der Türkei in Verbindung gebracht, jetzt wird die türkische Fastfood-Delikatesse von Timo Winkel auch in den USA offeriert, als Beilage gibt es Bundesliga und Grönemeyer. Der Döner Spieß dreht eifrig seine Runden hinter der Theke, in der Ecke ist ein Kickertisch platziert, für das entsprechende Ambiente sorgen Kronleuchter und siebziger Jahre Tapete.

Wer glaubt, es handelt sich um einen Döner Imbiss in Berlin-Kreuzberg, der ist auf dem Holzweg. Denn Timo Winkel hat in einem Szeneviertel von Washington D.C. einen Döner Laden eröffnet. Bislang fristete der Döner in den USA ein Stiefkind-Dasein. Die Amerikaner haben schon Schwierigkeiten überhaupt den Begriff zu verbalisieren, einige sagen „Donau“ andere „Diener“. Auch vom gastronomischen Konzept, das hinter der Brottasche mit Fleisch, Knoblauchsauce und Krautsalat steht, haben die Amerikaner keine Ahnung. Das will Winkel endlich ändern, er will der Döner Missionar in den USA werden.

Die Legende besagt, dass ein türkischer Einwanderer in Berlin den Döner erfunden hat. Doch Winkel interessiert sich nicht für die Türkei, er kommt aus Hamburg und ist leidenschaftlicher Fan des HSV. Sein Lieblingsgetränk ist ein waschechtes Hamburger Astra Bier. Aber Winkel ist auch gerne Döner, deshalb verkauft er den mittlerweile auch.

Doch wie fing eigentlich alles an? Winkels Frau Nicole studiert 2004 in Washington. Bei einem Besuch ist Gatte Timo irgendwann Pommes und Bürger über, er hat Hunger auf einen üppigen Döner. Nicole aber nimmt ihm erstmal jegliche Illusion: „Döner gibt es hier nicht!“ Die größte Fastfood-Nation der Welt ohne Döner? Ein Frevel, findet Winkel.

Der Startschuss für das Fastfood-Märchen bildet ein Businessplan, den die Winkels aufsetzen und anschließend ans deutsche US-Konsulat in Frankfurt schicken. Der Konsul, selbst passionierter Döner Esser, stellt den Winkels ein Investorenvisum aus. Der Diplomat begründet: „Wenn ich von Frankfurt in die USA zurückfliege, vermisse ich zuerst immer den deutschen Döner.“

Die Winkels legen sich einen Imbisswagen zu und lassen fortan darin die ersten Döner Spieße für die Gäste rotieren. „Wir haben in einen 20 Jahre alten Van eine winzige Küche eingebaut“, verrät Timo. „Mit Döner-Spießen und allem. Das ganze in Handarbeit. Die Nacht bevor die amerikanische Gesundheitsbehörde den Döner-Truck abgenommen hat, haben wir beide vor Aufregung nicht geschlafen.“ Hungrige Amerikaner können ab jetzt durch die Frontscheibe in das Innere des Foodtrucks linsen und das drehend duftende Döner Fleisch beim Garwerden beobachten .

Für viele Amerikaner ein absolutes Novum und Highlight! Die Soße ist genauso Eigenproduktionen der Winkels wie die Fleischspieße. In Deutschland hat Timo gelernt wie das geht. „Ich habe die Döner-Buden bei meinem Praktikum in München gesehen. Mein erster in den USA schmeckte toll. Ich hätte nur eine Zahnbürste oder eine Packung Pfefferminz benötigt.“

Drei Jahre lang säbelten die Winkels Dönerfleisch in dem Van, würzten Schnitzel-Panade, schnibbelten Currywurst. Dann der erste Laden in Leesburg, einem kleinen Nest in Virginia. Ende 2012 kommt die zweite Döner-Filiale in Washington D.C. dazu. Vor einem Jahr expandieren die Winkels weiter, mieten ein Bistro in „Adams Morgan“, einem Szeneviertel Washingtons an. 2014 soll dann schon die dritte Döner Bude aufmachen.

Timo: „Bei uns dreht sich mittlerweile alles um den Döner. Das ist wirklich mein ganzer Lebenssinn. Unser Visum hängt vom Erfolg des Döner-Geschäfts ab. Und wir sind noch lange nicht am Ziel.“ Den deutschen Döner-Drehern schwebt eine landesweite Kette à la Burgerking oder Pizzahut vor.

Dafür soll ein Franchise-Unternehmen ins Leben gerufen werden, in den nächsten 2-3 Jahren wollen Winkels noch ein paar Einzelläden aus dem Boden stampfen. Schließlich soll der Döner in den gesamten USA auf Siegeszug gehen.

In Amerika sind die Winkels absolute Döner-Pioniere, denn in kaum einem Land auf der Welt ist der Fleischspieß so beliebt wie in der Bundesrepublik Deutschland. Weder in Amerika noch in Europa findet man außerhalb von Deutschland Döner Geschäfte, lediglich in einigen amerikanischen Städten gibt es Lammfleischspieße (Shish Kebab), Falafel oder arabische Shawarma Imbissbuden. Jetzt erobert also auch der Döner langsam das Land zwischen Pazifik und Atlantischem Ozean. So haben zum Beispiel auch schon in Austin, Atlanta und Seattle Döner Läden aufgemacht.

Mit deutschen Traditionen kann man in den USA schon lange gute Geschäfte machen, im Trend liegen nicht nur München mit seinem Oktoberfest oder die hippe Hauptstadt Berlin. Auch Winkel bringt nicht nur die gefüllte Brottasche an den Mann, sondern auch deutsches Kulturgut.

Deshalb dröhnen aus seinen Döner-Laden-Lautsprechern unter anderem auch Grönemeyer-Songs, am Wochenende werden Tore aus der Bundesliga bejubelt. Exil-Deutsche, die Winkels Döner Bude frequentieren, sind dankbar für Food und Folklore aus der Heimat. Außerdem wird der Döner so zubereitet, wie man es von daheim kennt. Lediglich der Preis differiert.

Schließlich ist Fastfood mittlerweile eine Szene-Mahlzeit, wenn diese 6.000 km weg von da aufgetischt wird, wo sie herkommt. Zu den Stammkunden von Winkels Döner Laden gehören auch Mitglieder der US-Armee, die in Deutschland stationiert gewesen sind, außerdem Studenten, die Good Old Germany bereist haben. Dazu tragen auch die Getränke bei, die so typisch für Deutschland sind: Weißbier, Alt, Kölsch, Pils oder Helles.

Die Amerikaner sind angetan von der üppigen Auswahl deutscher Biere. Winkel weiß warum: „Der Ami verbindet mit Deutschland gutes Essen und gutes Bier“, so der Döner-Missionar in der „Süddeutschen Zeitung“. „Sie wissen eben, dass sie keinen Fehler machen können, auch wenn sie den Döner noch nicht kennen. Sie probieren das einfach aus.“

Wessen Fall der Döner dann doch nicht ist, dem wird mit Sicherheit ein Schnitzel, eine deutsche Brat- oder die Original Berliner Currywurst munden – eben alles typisch deutsche Kost! Die meisten Gäste haben übrigens keine Kenntnis davon, dass der Döner eigentlich aus der Türkei stammt. Das ist Winkel aber wurscht: „Wir haben nie behauptet, dass der Döner deutsch ist, sondern wir sagen jedem, dass die Türken ihn erfunden haben und die Deutschen in lieben.“ Deutschland ohne Döner kann man sich auch tatsächlich nicht mehr vorstellen…!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.